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HANS FRAUNGRUBER - EIN LEBENSBILD

Von Othmar Hörtner

 


Im Kumitzer Kircherl
da bin i vor Jahrn
als kloawinzigs Büabl
in d'Christenheit gfahrn.
Da han i däs erste Mal
ausgschaut in d'Weit
und han mir glei angwöhnt
mein Trutz und mein Schneid.
Hebamm war die Teltschn,
der Grimmer mein Göd,
drum scheuch i ah 's Steign
und koa Brentlerin net.


     Hans Fraungruber wurde am 26. Jänner 1863 als Sohn des Postbeamten Eduard Fraungruber und seiner Frau Cäcilia (geb. Mandl) in Obersdorf geboren. Seine Vorfahren stammten aus Oberösterreich vom Edelsitz "Fraungrub" bei Eferding.
Nur seine Kinderzeit verbrachte Fraungruber in seiner Heimat, die dienstliche Versetzung des Vaters und das Studium führten ihn nach St. Pölten und nach Salzburg. Er wurde Lehrer und erhielt in Neulengbach in Niederösterreich seine erste Anstellung, eine Klasse mit 110 Kindern.

Als sein Vater nach Wien versetzt wurde, bewarb auch er sich um eine Anstellung in Wien.
So wurde Wien seine Amtsheimat. Er brachte es in seinem Beruf zu großem Ansehen, war Obmann des Lehrerbundes, Mitglied der Lehrbücherkommission, Herausgeber von Jugendbüchern und Jugendzeitschriften Mitarbeiter in der Schulreformkommission. Seine berufliche Laufbahn beendete er als Schuldirektor in Wien.

Hans Fraungrubers besondere Liebe galt seiner Alpenheimat, dem naturverbundenen Menschen, dem alten Brauchtum und dem echten Volkslied. Zusammen mit Josef Pommer sammelte er alte Lieder.
15 Jahre lang gab er die Zeitschrift "Das deutsche Volkslied" heraus. Das erste österreichische Schulliederbuch, das dem Volkslied Platz einräumt, wurde von ihm 1910 herausgegeben. Er war Mitglied des Volksgesangsvereines, hatte eine schöne Tenorstimme, die er in eigenen Gesangsstunden ausbilden ließ; es fehlte nicht viel, so wäre er Opernsänger geworden.

Als Zweiunddreißigjähriger vermählte sich Fraungruber mit Marie von Itterheim, die ihm einen Sohn Richard schenkte, der später Offizier wurde. Auch die Geburt seines Enkels Herbert erlebte Fraungruber noch.

Hans Fraungruber, der Sohn der Berge, fand in Wien große Aufgaben, denen er sich voll gewachsen zeigte, die ihm Erfolg und Anerkennung einbrachten. Seine ersten Dichterwerke wurden bereits vor der Jahrhundertwende gedruckt und in den nächsten Jahrzehnten herausgegeben. Sein Biograph zählt 32 Titel auf, die zwischen 1893 und 1930 erschienen sind, dazu unzählige, in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichte, kleinere Werke, seine Schulspiele, seine vorbildlichen Sagen- und Märchenfassungen in den österreichischen Lesebüchern.
Die bekanntesten Buchtitel sind "Ausseer G'schichten", "Gedichte in steirischer Mundart", "Bei uns dahoam", "Meine Bergbauern" und das dramatische Werk "Erzherzog Johann und die Postmeisterstochter", das stürmisch bejubelt und in Graz allein 400mal aufgeführt wurde.
Fraungruber zählte manche berühmte Zeitgenossen zu seinen Freunden: Girardi, der Fraungrubers Verse und Geschichten in sein Vortragsprogramm aufnahm, Kienzl, die Schratt, Ginzkey, Kehldorfer, Mell und viele andere. Am fruchtbarsten entwickelte sich aber seine Freundschaft mit dem um 20 Jahre älteren steirischen Landsmann Peter Rosegger. Ein ausgedehnter Briefwechsel zwischen beiden und andere Zeugnisse fester Freundschaft sind vorhanden.
Nun müsste den Hinterbergern eigentlich bange werden um ihren abgewanderten Sohn, dem die Fremde so freundliche Aufnahme bot. Doch nein, es fehlen alle Zeichen einer "Landflucht" und es lässt sich mühelos nachweisen, dass sich Fraungruber bis zu seinem Lebensende seiner alten Heimat nicht bloß äußerlich verbunden fühlte, als Gast sozusagen, sondern dass er hier wurzelte, dass er aus unseren Bergen und Wäldern, aus unseren Quellen und Seen seine Kräfte sog.

Wer sein Hoamat nit ehrt,
is koa Brodbröckl wert,
der is d'Ruahstatt nit wert
in der hoamatlign Erd.


    Diese Zeilen schrieb er am 4. September 1901 ins Gipfelbuch des Lawinensteins, als er allein im dichten Nebeltreiben dort oben weilte.
Als ihn die Mitterndorfer 1931 zum Ehrenbürger ernannten, wurde die feierliche Überreichung der Urkunde zu einem Fest des Ortes: Fahnen, Böllerschüsse, Musikkapelle, Schulchor, Festrede seines Freundes Kommerzialrat Kasperer, Überreichung der Ehrenurkunde durch Bürgermeister Lackner im "Alpenheim" unter Hochrufen der Bevölkerung. Und dann noch am späten Abend dieses denkwürdigen Tages als freundliche Überraschung die Eröffnung des "Fraungruberstüberls" im "Krapfenhäusl" (Haus Kasperer), das der Dichter mit einer Lesung aus seinen Werken einweihte.

Ebenso innig tat sich seine Verbundenheit zu Mitterndorf kund, als im darauf folgenden Jahr an der Außenwand des "Krapfenhäusls" seine Büste enthüllt wurde.
Der Dichter lag schwer leidend in Wien, er konnte an der Feier nicht mehr teilnehmen. In einem Brief an Kapellmeister Reisinger schrieb er: "Wie habe ich am 30. und 31. (Oktober 1932) an mein Mitterndorf gedacht. Genau zur Zeit, als mein Reliefbild enthüllt wurde, erhielt ich im Krankenhaus sieben Injektionen."
Obwohl ihm das Schreiben schon Mühe machte, dankte er in lieben Worten in einem Brief an Dir. K. Zehentleitner:

"Dass sich an der Feier am 30.10. abermals Lehrer und Schulkinder beteiligten, freute mich ganz besonders. Allen danke ich herzlich. "

"Lieber Landsmann!
Bei der Feier am 30. X. hat mich auch Ihre Musikkapelle wieder geehrt. Mit wärmstem Dank grüße ich Sie und jeden Mitwirkenden aufs herzlichste, Ip den argen Schmerzen ist die Zuneigung der Heimat die wirksamste lindernde Arznei."

(Brief an Kapellmeister Reisinger).

Auch seine letzten Verse, im Todesjahr verfasst, gehen nach Mitterndorf, an den Freund Kasperer, und werden dort sorgsam aufbewahrt:

Ach lasst mich heim, ich bin so müde,
die alten Schultern drückt die Last,
wie süß ist Ruh und Friede
genug von Lärm und Hast.

Wen freuten Blüten nicht und Triebe,
der Bergwald und der Vogelsang.
Entzücken der blutwarmen Liebe
und froher Weisen holder Klang.

Wohl hallen nun die Osterglocken,
durch grüne Büsche lacht der Mai.
Mich kann er nimmermehr verlocken,
mein Lebensfrühling ist vorbei.

0 Herz, jetzt lerne dich bescheiden,
zu teil ward dir ein endlich Maß.
Die Blume muss das Welken leiden,
und vor dem Schnitter sinkt das Gras.


     Am 7. August 1933 kam der Schnitter Tod zu ihm. In seiner Villa am Rand von Wien verschied er, bis ans Ende von seiner Gattin treu gepflegt. Wien gab ihm ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof.
Unser Dichter wurde schon zu seinen Lebzeiten reich mit Ehren bedacht. Sein 50., 60. und 70. Geburtstag gaben Anlass dazu. Auch nach dem Tode vergaß man ihn nicht.

Wien benannte eine Straße im XII. Bezirk nach ihm, Bad Aussee enthüllte zum Gedenken an ihn, anlässlich der 25. Wiederkehr des Todestages, an der Vorderseite des Kurhauses eine Tafel und hielt durch manche Veranstaltungen, deren Initiator sein großer Verehrer Hans Gielge war, sein Andenken wach.

Was lebt von seinen Werken, was wird gelesen, was verdient es, noch heute gelesen zu werden?
Zuerst ist der "Lesebuch"-Fraungruber zu erwähnen, der noch immer, nun schon bald ein Jahrhundert lang, in unseren Schulbüchern aufscheint.
Seine "Bremer Stadtmusikanten" zum Beispiel werden gerne von unseren Buben gespielt, auch sein "Tapferes Schneiderlein", das als Handschrift vorliegt, scheint einer Aufführung wert.

Ein deutscher Verlag macht gute Geschäfte, indem er unter dem Namen Fraungruber Jugendgeschichten herausgibt, die gar nicht von Fraungruber stammen, sondern nur von ihm gesammelt wurden.
Was den Bewohner des steirischen Salzkammergutes besonders verlocken müsste, Fraungruber zu lesen, ist der Umstand, dass er sich in ihnen gespiegelt findet, in einer Sprache, die heute noch so gesprochen wird.

Viele vertraute Namen und Gestalten erinnern an Fraungrubers Heimat:
Das alte Weiblein "mit an G'sicht wia an alter Fäustling, aber zwoa Augn drin wia von an Zeiserl"; der Kochalmbauer, der im tiefsten Schnee herausstapft, weil ihm der Pfeifentabak ausgegangen ist; der pfiffige Bauernknecht, der beide Schuhmacher überlistet, damit er zu einem Paar Schuhe kommt und mit der Duckbauern-Sepherl zum Tanz gehen kann, der biedere Marl-Bauer aus Obersdorf, dem die Sau gestohlen wird; der Wildschütz, der über die Ödenseewand stürzt und sich vom Jäger abseilen lässt; das fürsichtige Dirndl aus dem Pichler Graben, das dem begriffstützigen Bauernburschen, der sein Kalb in die Koanisch treibt, genau beschreibt, wovor sie sich fürchtet. 

In diesen Geschichten erweist sich Fraungruber als meisterlicher Kenner der Volksseele, hier hat er seine Landsleute in ihrer knorrigen, wortkargen Freude, in ihrer eigenbrötlerischen Lustigkeit trefflich beobachtet.
Hans Fraungrubers großer Wunsch war es, dem Volkslied, das er so schätzte, in seinen Gedichten recht nahezukommen. Er glaubte zwar, dass dies einem "Studierten" nicht möglich sei, doch Peter Rosegger pflichtete ihm nicht bei und schimpfte: "Wenn das so wäre, so soll euch Schulmeister alle der Teufel holen!"
Am nächsten kommt er diesem Ideal in seinen "Trutzgsangln", die von einem alten Vierzeiler kaum zu unterscheiden sind:

Wer kraxln kann, kraxlt,
wer ohfallt, liegt unt, 
der oan kimt aufs Roß
und da ander am Hund.

's Lebn is a Wiesen,
mit Bleamerl angsaat,
und bal's grad am schönern is,
au weh! wird 's gmaht.

Oder auch das Selbstbekenntnis:

Eis gschossn han i, Kegl han i gschiebn,
Gamsjagern war i, alls han i triebn.
Gassln bin i ganga, Dirndl han i gliabt,
Buam han i prüglt, Schläg han i kriagt.


     Dass er unser Hinterbergertal besungen hat wie kein anderer, das macht ihn uns so lieb und wert. Wie gut er es kannte, wie stark er es liebte, verraten schon die Titel
"Lawean", "Kumitzer Wallfahrt': und auch das köstliche Gedicht, "das den Wetterhahn auf der Spitze des Kirchturmes von Mitterndorf für den Regen verantwortlich macht.

Ein großer Mangel ist freilich, Dass Fraungrubers Werke alle vergriffen und in den Buchhandlungen nicht mehr zu haben sind. Unsere Zeit hält Papier und Druckerschwärze für andere Erzeugnisse reichlich bereit. "Heimatromane" werden tonnenweise erzeugt und gelesen. Sollten wir nicht wieder zurückkommen auf das echte "Bauernbrot", wie es uns Fraungruber bereitet hat?